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2. Januar 2019

Noch eine Nacht.
Gestern nacht war ich „Fachaufsicht“ im Haus und deshalb mit einem zweiten Kollegen im Dienst. Er machte das, was der Nachtdienst halt so zu machen hat und ich… ach, ich wünschte mich ganz weit weg. Ich mag diesen Kollegen nicht. Aber so gar nicht. Glücklicherweise arbeitet er nur zwei Nächte im Monat bei uns und ansonsten im Krankenhaus. Schlimm nur, dass diese zwei Nächte jetzt schon zum dritten Mal in meine Fachaufsicht fallen.
Dass ich den Kollegen nicht mag, dafür kann er nichts. Manche Menschen sind einem auf Anhieb unsympathisch, das ist halt so. Dass das im Grunde nicht fair ist, ändert daran nichts. Normalerweise finde ich bei solchen Menschen immer etwas, das ich dann doch irgendwie mag. Bei ihm ist das leider nicht so. Ich mag sein Aussehen nicht. Ich mag nicht, wie er spricht. Wie er lacht, mag ich auch nicht. Ich könnte mich allein schon über seine Art zu atmen aufregen. Ich sage mir immer, dass er ein guter Pfleger und im Grunde ein wirklich netter Mensch ist. Ich sage mir, dass es gemein ist, wenn wir uns über ihn lustig machen, über ihn lästern und uns gegenseitig im Spass bemitleiden, wenn wir der Spätdienst sind und er zum Nachtdienst kommt. Nur leider hilft das nicht.
Dieser Kollege kommt immer schon fast eine halbe Stunde früher zum Dienst, damit er alles schafft. Und das sagt er dann auch jedesmal. Er redet eigentlich ununterbrochen darüber. Jajaja, er kommt gern immer schon früher, damit er zeitig anfangen kann, weil er sonst Stress hätte, den er nicht mag. Denn es ist ja so viel zu tun. Man kommt kaum zurecht. Und dann erklärt er (ebenfalls jedesmal), was er alles machen muss. Blablabla. Der Mann betet tatsächlich den gesamten Ablauf des Nachtdienstes herunter, betont zwischendurch immer wieder, dass die Arbeit schwer sei und fast nicht zu schaffen. Dass wir im Gegensatz zu ihm nicht nur zwei Nächte im Monat, sondern Tag für Tag (und in deutlich mehr Nächten) hier arbeiten, ignoriert er dabei völlig.
Ihm bei dieser Litanei zuhören zu müssen, ist schon im Spätdienst schlimm. Aber da hat man dann doch bald Feierabend und kann einfach gehen. Wenn ich mit ihm Nachtdienst machen muss, kann ich das nicht.
Er arbeitet nicht mehr und auch nicht besser als wir anderen. Er ist einfach nur entsetzlich langsam. Er trödelt. Ich weiss das, denn ich habe ihn beobachtet.  Und zwischendurch kommt er ständig ins Büro, um mir zu erzählen, wieviele Leute Stuhlgang hatten, wieviele Betten er beziehen musste, was er bisher alles gemacht hat. Und jaaaa… es ist kaum zu schaffen, es ist nämlich verdammt viel Arbeit. Kannst du dir das vorstellen, Dona? Ich meine, er fragt mich tatsächlich, ob ich mir das vorstellen kann. Ob ich das glaube. Und er ist felsenfest davon überzeugt, dass ich das nicht kann. So hätte ich hier noch nie Nachtdienst gemacht. Inzwischen mache ich mir nicht mehr die Mühe, ihn darauf hinzuweisen, dass ich hier schon seit Jahren arbeite. Ich meine, das müsste er ja wissen, schliesslich gab es ihn schon, als ich hier anfing. Eigentlich ist ja erstaunlich, dass er in den Nächten, in denen er nicht allein auf dem Bereich ist, überhaupt fertig wird, weil er ja neben der ganzen Arbeit, die fast nicht zu schaffen ist, auch noch so viel über eben diese Arbeit reden muss.
Heute musste ich mir wirklich auf die Zunge beissen, um nicht unfreundlich zu werden. Ich meine, ich habe gerade drei Nächte hinter mir. Auf diesem Wohnbereich. Bei diesen Bewohnern. Und diese drei Nächte waren beschissen, und zwar durchaus im wörtlichen Sinne des Wortes. Keine Katastrophennächte, aber schmutzig.  Deshalb weiss ich, dass die heutige Nacht der reine Zucker war. Aber ich musste mir sein sich ständig wiederholendes Gesabbel darüber anhören, wieviel er zu hier arbeiten hat, wie unwahrscheinlich viel es zu tun gäbe und  „glaubst du das, Dona? Kannst du dir das überhaupt vorstellen? Also, was man hier an Arbeit hat… unwahrscheinlich, Dona. Das glaubst du gar nicht…“
Noch eine Nacht.