Archiv für den Tag: 10. Januar 2019

10. Januar

Schnee, Schnee. Schnee.
Heute morgen um halb sechs hat der Hausmeister die Wege geräumt. Als ich so gegen elf aus dem Fenster schaute, war davon nichts mehr zu sehen…

Seit wir die liebste Chefin von allen haben, gehe ich wirklich gerne zur Arbeit. Es liegt natürlich nicht nur an der Chefin. Aber seit wir sie haben, sind wir ein tolles Team. Das wird nicht immer so bleiben, aber ach, wenn ich eins gelernt habe in meinem Leben: geniess das, was du hast, so lange es geht. Das musste ich jetzt einfach mal loswerden.
Heute gab es eine super lustige Übergabe. Und dabei war sie nur kurz, weil die meisten Kollegen dann zur Fortbildung mussten. Die Übriggebliebenen vom Frühdienst bereiteten noch alles für den Nachmittagskaffee vor – und plötzlich stand ich mit der liebsten Chefin von allen alleine da. Und wie es so ist, sobald niemand da ist, wollen plötzlich alle etwas. So schnell ist noch nie Kaffee ausgeteilt worden! Als meine Spätdiensteler endlich von der Fortbildung kamen, war es schon 15.30 Uhr.
Ich mag die Donnerstage nicht so gern. Wir kriegen mittwochs die Medikamentenblister für die ganze Woche geliefert und müssen die donnerstags kontrollieren. Und ich hasse, hasse, HASSE die Blisterkontrolle! Zuerst muss man schauen, ob die Blister vollständig sind. Dann muss man sie nach Bereichen ordnen. Und dann muss man natürlich jeden Blister einzeln überprüfen. Stehen alle Tablette auf dem Label – und sind auch alle Tabletten wirklich drin? Bei uns ändert sich bei den Medikamenten ziemlich oft etwas, deshalb sind manche Medikamentenblätter nur schwer lesbar, auch weil manche Ärzte darin herumkritzeln, dass man glatt dran verzweifeln könnte. Und wenn man Pech hat, klingelt dauernd das Telefon und irgendwelche Ärzte stehen auf der Matte, oder Angehörige haben Fragen oder…
Aber heute hatte ich Glück und auch die  verhasste doofe ungeliebte nun mal notwendige Blisterkontrolle war nach knapp anderthalb Stunden Geschichte.
Am Abend bei der Pflege habe ich mit einer meiner Bewohnerinnen ein bisschen Französisch „geübt“. 75 Prozent unserer Leute haben Demenz in irgendeiner Form, mehr oder minder ausgeprägt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil hat aber auch noch eine psychische Krankheit wie Psychosen oder paranoide Schizophrenie. Diese alte Dame hat – unter anderem – eine „nicht näher beschriebene Psychose mit aggressivem Verhalten“. Ohne dass sie es selbst will, versucht sie einem manchmal die Finger zu brechen oder schlägt auch schon mal zu. Letzteres tut sie allerdings nicht unbewusst. Bei mir hat sie schon ein paar Mal ausgeholt, aber noch nie zugeschlagen, weil ich ihr gesagt habe, egal ob das verboten ist oder nicht, wenn sie mich schlägt, dann hau ich zurück. Sie solle sich das überlegen, schliesslich sei ich grösser und stärker als sie. Sie kuckte mich damals mit grossen Augen an und antwortete: „Okay, in Ordnung.“ Und damit war das Thema erledigt und zwischen uns alles klar.
Ich liebe diese alte Dame, wirklich, das tue ich. Trotz ihres auffälligen Verhaltens und ihres Geschreis kommen wir toll miteinander aus und haben viel Spass. Wir singen, weil sie eine total schöne Stimme hat und Musik gerne mag. Und ich erzähle ihr Witze und Geschichten. Sie kommt ursprünglich aus Ungarn, ist aber lange genug hier, um wirklich Sinn für Wortwitz zu haben – und sie lacht so toll.
Na, jedenfalls haben wir beim Zubettgehen geschaut, was sie denn an französischen Worten kennt. Zuerst sagte sie natürlich, sie wüsste keine. Aber als ich fragte, ob sie wirklich nicht wüsste, was „Ich liebe dich“ auf französisch heisst, da sagte sie sofort „je t’aime“. Und natürlich wusste sie auch, wie man guten Tag, Aufwiedersehen und danke sagt. Nach einer Weile beteiligte sich auch die Zimmernachbarin am Gespräch – die war früher Lehrerin und kann ein bisschen Französisch. Das war echt schön.
Heute war’s ein bisschen doof, als ich nach Hause kam. Kein Panda. Ich meine, ich wusste, dass er nicht da ist, aber ich habe trotzdem  nach seinem Fenster geschaut: kein Licht. Seufz. Wir sind nicht gerne getrennt, ihm geht es da wie mir. Ich meine, wir haben oft unterschiedliche Dienstzeiten und sehen uns manchmal nur kurz am Tag, aber wir wissen eben doch, dass der andere da ist…

Naja, es sind ja nur noch vier Tage…